MENSCHLICHES ELENDE
Was sind wir Menschen doch? ein
Wohnstrauss grimmer Schmertzen
Ein
Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit.
Ein
Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /
Ein bald verschmeltzter Schnee und
abgebrante Kertzen.
Diss Leben fleucht davon wie ein
Geschwätz und Schertzen.
Die
von uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und
in das Todten-Buch der grossen Sterbligkeit
Längst eingeschrieben sind /
sind uns aus Sinn und Hertzen.
Gleich
wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt /
Und
wie ein Strom verfleust / den keine Macht aufhält:
So muss auch unser Nahm / Lob /
Ehr und Ruhm verschwinden /
Was
itzund Athem holt / muss mit der Luft entflihn /
Was
nach uns kommen wird / wird uns im Grab nachzihn.
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch
von starcken Winden.
Andreas Gryphius, 1637